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Ahrtalgespräch: "Aufbruch des Glaubens oder Religionsspektakel?"
Dienstag, 08. November 2005
Bad Neuenahr-Ahrweiler, 8. November 2005. – Zum Thema „Aufbruch des Glaubens oder Religionsspektakel?“ veranstaltete der Verein der Förderer der Europäischen Akademie in Zusammenarbeit mit der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler zum dritten Mal in Folge das Ahrtalgespräch im Rathaussaal der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. Nach der Begrüßung durch den „Hausherrn“ Dr. Tappe diskutierten die Referenten Professor Dr. Klaus-M. Kodalle (Philosophisches Institut, Jena) und Professor Dr. Thomas Schmidt (Lehrstuhl für Religionsphilosophie, Frankfurt a.M.) dieses Thema unter verschiedenen Gesichtspunkten. Dabei gab es sowohl unter den Referenten als auch anschließend mit dem Publikum eine angeregte Disputation über dieses teilweise sehr persönliche Thema, die von Professor Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann, Direktor der Europäischen Akademie GmbH, moderiert wurde.
Professor Dr. Kodalle stellte in seinem Vortrag, ausgehend von unterschiedlichen gesellschaftlichen Massen-Erscheinungen wie Trauer beim Tod einer prominenten Persönlichkeit (Tod des Papstes) oder Weltkirchentag die Frage, welche emotionale Grundlage in der Gesellschaft diese Erscheinungen ermöglicht. Er sieht diese als Ausdruck eines Verlangens nach Autorität, charismatischen Gestalten und als Sehnsucht nach Führung. Diesem Gefühl des Defizits würde von z.B. Jugendlichen (beim Tod des Papstes) mit dem Wunsch nach etwas Heiligem und Feierlichem begegnet.
Eine Funktion der Religion sieht Professor Kodalle demnach darin, eine Sicherheit und Stabilisierung des Selbstwertes angesichts der sozialen und politischen Gefährdungen zu geben. Dieser funktionalen Bestimmung Gottes setzte er einen Grundsatz Kierkegaards entgegen, der besagt, dass das Gottesverhältnis für Lebenszwecke nicht in Dienst zu nehmen sei. Die individuellen Bedürfnisse eines Menschen dürften nicht mit der Gottesidee in Zusammenhang gesetzt werden. Kodalle forderte, dass der Mensch eine Selbstinstrumentalisierung („Opfertod“ für einen bestimmten „Sinn“) beenden solle und das Gottesverhältnis als Ermutigung für ein Eigenverständnis als „Selbstzweck“ begreifen solle.
Professor Dr. Schmidt betonte bei der Beobachtung des großen Interesses der Weltöffentlichkeit am Tod von Papst Johannes Paul II. sowie des großen Medienaufgebots am Weltjugendtag die seiner Meinung nach „paradoxe Gleichzeitigkeit von traditioneller Religiosität und Moderne“. Die Medien hätten gezeigt, dass es eine ungebrochene Vitalität und Attraktivität einer 2000 Jahre alten religiösen Tradition inmitten einer säkularen Gesellschaft gäbe. Diese Ereignisse bewiesen, dass die Gewissheit, die Moderne sei mit säkularer Kultur gleichzusetzen, erschüttert werden könne. Dennoch sei die heutige Gesellschaft eindeutig als pluralistisch zu verstehen und eine Gleichzeitigkeit von traditioneller Religion und moderner Lebenswelt damit gegeben.
Die „postsäkulare“ Gesellschaft (Habermas) müsse bereitstellen, so Schmidt, dass religiöse und säkulare Bürger unter gleichen und fairen Bedingungen am öffentlichen Diskurs partizipieren könnten. Dabei müsse von beiden Seiten Offenheit und Verständnis für die jeweils andere Position gezeigt werden. Einen wechselseitigen Respekt könnten die Religionen und Konfessionen von ihren säkularen Mitbürgern allerdings nur dann einfordern, wenn sie sich diesen Respekt auch untereinander wechselseitig zugeständen und nicht im Namen der einzig wahren und authentischen Religion oder Religiosität verweigerten.
Referenten:
Professor Dr. Klaus-M. Kodalle
- geb. 1943
- Studium der Philosophie, Pädagogik und Germanistik in Köln
- 1969 Promotion; Wiss. Assistent in Regensburg und Hamburg
- nach Habilitation 1983 Professor für Religionsphilosophie und Sozialethik (im Fachbereich Theologie)
- 1992 Professur für Praktische Philosophie an der Universität Jena
- 1998 Ord. Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz
- Gastprofessuren in den USA, Dänemark, Israel, Italien
Professor Dr. Thomas Schmidt
- geb. 1960
- Studium der Philosophie und Soziologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen und der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main
- Promotion (1995) und Habilitation (2000) in Philosophie an der Goethe-Universität
- 1995 bis 2001 Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Philosophie der Goethe-Universität, danach Assistant Professor am Department of Philosophy, California State University in Long Beach, USA
- seit 2003 Professor für Religionsphilosophie am Fachbereich Katholische Theologie der Frankfurter Goethe-Universität; kooptierter Professor am Institut für Philosophie der Goethe-Universität. Geschäftsführender Direktor des „Instituts für Religionsphilosophische Forschung“ (IRF) der Goethe-Universität
- Gastprofessuren an der St. Louis University, der University of Washington in Seattle, USA sowie an der Universität Innsbruck
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