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31.08.16

Professor Dr. rer. nat. Lutz Jäncke: Sind wir vernünftig? Eine neuropsychologische Betrachtung

Vortrag der Europäischen Akademie und der Kreissparkasse Ahrweiler:  

Bad Neuenahr-Ahrweiler, 5.11.2009. – Beim diesjährigen Kreissparkassenvortrag der Europäischen Akademie und der Kreissparkasse Ahrweiler ging es um das menschliche Gehirn und seine Möglichkeiten der Verhaltenssteuerung. Professor Dr. rer. nat. Lutz Jäncke von der Universität Zürich, Neuropsychologie, stellte dar, dass die Steuerungsmöglichkeiten durch das Gehirn meist unbewusst eingesetzt würden und durch erlernte Informationen geleitet seien. Neben neueren neurowissenschaftlichen Erkenntnissen erläuterte er auch kognitionspsychologische Befunde und zeigte ihre Bedeutung für menschliche Entscheidungsfindungen auf.

So stellte Jäncke dar, dass das laienhafte philosophische Weltbild von einem mehr oder weniger absoluten Vernunftbegriff dominiert werde. Man sei „vernünftig“ oder eben auch nicht. Allerdings zeige die psychologische und neurowissenschaftliche Forschung, dass bei der menschlichen Urteilsfindung kaum Konstanten und damit absolute Größen existierten. So seien unsere Wahrnehmungen und Entscheidungsfindungen sehr häufig relativ und würden durch unbewusste Prozesse bestimmt oder zumindest beeinflusst.

Im Zusammenhang mit diesem Wirkungsgefüge von unbewussten, „unvernünftigen“ und subjektiven Prozessen komme zwei anderen Phänomenen, die gerade von vielen Vertretern der neurowissenschaftlichen Forschung als nicht existent betrachtet würden, eine besondere Bedeutung zu, nämlich dem freien Willen und dem Bewusstsein, so Jäncke. Das Bewusstsein und der freie Wille seien sozusagen die „letzten Kontrollinstanzen“, welche der Mensch zur Verfügung habe, um sich gegebenenfalls im „Dickicht der Unvernunft und Subjektivität“ zurechtzufinden. Jäncke stellte in seinem Vortrag die teilweise kuriosen Phänomene dar, welche die menschliche Unvernunft demonstrierten und setzte sie in Beziehung zu evolutionären Grundlagen.

Der 16. Kreissparkassenvortrag fand erstmals im Bahnhof Rolandseck, Remagen, statt; die anschließende Diskussion wurde von Professor Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann, Direktor der Europäischen Akademie, moderiert.

 

Kurzlebenslauf Professor Dr. rer. nat. Lutz Jäncke
Universität Zürich, Psychologisches Institut, Neuropsychologie

Lutz Jäncke (1957 in Wuppertal geboren) studierte in Bochum, Braunschweig und Düsseldorf zunächst Biologie, dann Psychologie und Hirnforschung. An der Heinrich Heine-Universität erwarb er das Diplom in Psychologie (1984), promovierte in Psychologie und Hirnforschung (1989) und habilitierte über das Thema „Anatomische und funktionelle Hirnasymmetrien“ (1995). Nach seiner Habilitation führte er seine Forschungsarbeiten am Beth Israel Hospital der Harvard Medical School weiter (1995). Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhielt er 1996 ein Heisenberg-Stipendium. Gleichzeitig war er als Senior-Researcher im Kernforschungszentrum Jülich tätig. 1997 erhielt er einen Ruf auf die C4-Professur für Allgemeine Psychologie der Otto von Guericke-Universität Magdeburg. Seit 2002 ist er Ordinarius für Neuropsychologie an der Universität Zürich.

Lutz Jäncke hat über 200 wissenschaftliche Arbeiten in peer-reviewed Zeitschriften verfasst. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher und Buchkapitel. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zählen zu dem einen Prozent der am häufigsten zitierten Arbeiten weltweit.

Lutz Jäncke arbeitet im Bereich der funktionellen Neuroanatomie und hier insbesondere im Bereich der kortikalen Plastizität im Zusammenhang mit dem Lernen. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Forschung ist die Erforschung der neuronalen Grundlagen der Musikverarbeitung.