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Interdisziplinarität in der Forschung: Zwischen gesellschaftlicher Erwartung und wissenschaftlichem Geltungsanspruch
Herbsttagung 2010:
7.–8.10. 2010, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz
Programm zur Tagung
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Bad Neuenahr-Ahrweiler, 14. Oktober 2010. – Interdisziplinarität ist in aller Munde und wird in moderner Forschung zunehmend als bevorzugte Arbeitsform gefordert. So wird beispielsweise die interdisziplinäre Analyse und Beurteilung des globalen Wandels von großer öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet. Zugleich setzt sie ihre Ergebnisse damit aber auch einem erheblichen Rechtfertigungsdruck aus. Mögliche Erwartungen an disziplinenübergreifende Wissenschaft sowie deren Legitimationspflichten gründen sich auf: (1) die spezifischen Erkenntnislagen und Probleme moderner, technisch entwickelter Gesellschaften, (2) die teilweise erheblichen Forschungszuwendungen öffentlicher Haushalte und (3) die kontrovers geführten Debatten um gesellschaftliche Geltungsansprüche wissenschaftlich fundierter Empfehlungen, die sich an politische oder ökonomische Entscheider richten. Interdisziplinär organisierte Forschung ist daher mit heterogenen, teilweise sogar konfliktträchtigen Bedingungen und Anforderungen konfrontiert, die sie in ihrer Arbeit zu bewältigen hat. Vor diesem Hintergrund veranstaltete die Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen GmbH vom 7. bis 8. Oktober ihre Herbsttagung zum Thema „Interdisziplinäre Forschung zwischen gesellschaftlicher Erwartung und wissenschaftlichem Geltungsanspruch“ in der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur.
Gleichsam als Ausgangspunkt der Betrachtungen begann die Tagung mit einer Sitzung über die disziplinäre Verfasstheit der Wissenschaft. Ausgehend von einem historischen Beispiel zu den Ordnungsprinzipien mathematischer Wissenschaften von Professor Knobloch (Berlin) entfaltete Professor Gethmann (Bad Neuenahr-Ahrweiler) die Fragen, was wissenschaftliche Disziplinen ausmacht, zu welchem Zweck man sie braucht und unter welchen Bedingungen man ihre Grenzen in bestimmte Richtungen überschreiten sollte.
Diese Gedanken wurden in der zweiten Sektion aufgenommen, in der gesellschaftliche Probleme als Anlässe interdisziplinärer Forschung zu erörtern waren. Zunächst zielten dabei Überlegungen zum Problembegriff auf eine wissenschaftsphilosophische Beschreibung gesellschaftlicher Problemlagen. Diese träfen – so Professor Schmidt (Darmstadt) – auf einen hoch differenzierten und fragmentierten Zustand moderner Wissenschaft, der Interdisziplinarität zur Lösung gesellschaftlicher Probleme geradezu erfordere. Interdisziplinarität als Mittel zum Zweck bestimmter Problemlösungen würde somit helfen, einseitige Forschungsinteressen disziplinärer Orientierungen zu neutralisieren (Professor Grunwald, Karlsruhe). Beide Vortragenden erörterten in diesem Zusammenhang mit dem Plenum, inwieweit interdisziplinäres Arbeiten als eher zweckfreies Forschen zu beschreiben sei oder vielmehr als stärker zweckgebundenes und projektorientiertes „Handwerk“ verstanden werden kann. Auf der Basis einer Unterscheidung verschiedener Grade und Varianten von Interdisziplinarität erläuterte schließlich Professor Gesang (Mannheim) „Fluch und Segen“ interdisziplinären Arbeitens.
Im letzten Teil der Tagung wurden Legitimation und Geltungsbedingungen entsprechender wissenschaftlicher Beratung und Empfehlung diskutiert. Professor Mainzer (München) sieht durch das Zusammenwachsen von Forschung, Technik, Wirtschaft und Gesellschaft einen erhöhten Bedarf an interdisziplinärer Forschung. Dabei müsse gerade die angewandte Ethik mit einbezogen werden, da Zusammenhänge von technischem Handeln und Verantwortung zunehmend undurchschaubarer würden. Diese Sicht teilte auch Professor Kaiser (Oslo), der über „Interdisziplinarität in der Erprobung am Beispiel des Welternährungsproblems“ referierte. Konkret stellen sich ihm dabei u.a. Fragen der Menschenwürde, der Verteilungsgerechtigkeit und der intergenerationellen Verantwortung. Er plädierte angesichts der Komplexität der interdisziplinären Fragestellungen für eine stärkere Implementierung geeigneter Entscheidungsheuristiken in die Beratungsaufgabe. Die Konferenz schloss mit einem Beitrag von Dr. Kamp (Bad Neuenahr-Ahrweiler) zur (gesellschaftlichen) „Beratung als Produkt interdisziplinärer Forschung“. Erfolgversprechende Beratung, so Kamp, solle dabei die vom Beratungsempfänger formulierten Zwecke immer auch mit Rücksicht auf ihre Realisierbarkeit rekonstruieren.
Zusammenfassend wurde deutlich, dass Interdisziplinarität nicht per se sinnvoll und gewinnbringend ist, sondern ihre Stärken und ihren Mehrwert nur unter komplexem, ungewissem und ambivalentem gesellschaftlichen Problemdruck ausspielen kann – und dann auch ausspielen sollte. Abseits davon sollte man sich nicht an einer rhetorischen Rede von „Interdisziplinarität“ beteiligen, um einen Bedeutungsverlust des Begriffs zu vermeiden. Vielmehr sei dieser stets mit Blick auf die Zwecke von Interdisziplinarität zu präzisieren.
Die Tagungsbeiträge finden Sie auf der Homepage der Europäischen Akademie: www.ea-aw.de
Referenten: Professor Dr. phil. Bernward Gesang (Universität Mannheim), Professor Dr. phil. Dr. phil. h.c. Carl Friedrich Gethmann (Europäische Akademie, Bad Neuenahr-Ahrweiler), Professor Dr. rer. nat. Armin Grunwald (Karlsruher Institut für Technologie), Dr. phil. Georg Kamp (Europäische Akademie, Bad Neuenahr-Ahrweiler), Professor Dr. phil. Matthias Kaiser (The National Committee for Research Ethics in Science and Technology in Norway, Oslo, und Universität Bergen), Professor Dr. phil. Eberhard Knobloch (TU Berlin), Professor Dr. phil. Klaus Mainzer (Carl von Linde-Akademie/TU München), Professor Dr. rer. nat. Jan C. Schmidt (Hochschule Darmstadt)
Wissenschaftliche Koordination:
Dr. rer. nat. Stephan Lingner, Dipl.-Geol.
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