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Die menschliche Natur und die Lebenswissenschaften. Braucht die Medizinethik ein anthropologisches Fundament?
Herbsttagung 2011:
22.9. 2011, Gustav-Stresemann-Institut, Bonn
Am 22. September 2011 veranstaltete die Europäische Akademie Bad Neuenahr-Ahrweiler im Gustav-Stresemann-Institut, Bonn, ihre diesjährige Herbsttagung. Unter dem Titel „Die menschliche Natur und die Lebenswissenschaften. Braucht die Medizinethik ein anthropologisches Fundament?“ diskutierten die 35 Teilnehmer, ob, und wenn ja auf welche Weise, anthropologische Überlegungen zur Natur des Menschen in die Ethik, insbesondere in die Medizinethik, einfließen sollten.
Die philosophische Beschäftigung mit neueren Entwicklungen in den Lebenswissenschaften, beispielsweise in der modernen Medizin, konzentriert sich weitgehend auf moralische Probleme, die sich aus Ergebnissen der Forschung und deren Anwendung ergeben. Dabei wird gelegentlich übersehen, dass in ethische Überlegungen häufig anthropologische Vorannahmen einfließen. Im ersten Vortrag präsentierte Professor Sturma (Bonn/Jülich) die These, dass die Ethik durch eine substantielle Theorie humaner Lebensformen fundiert werden sollte. Dabei stellte er jedoch in Frage, dass dies im Rahmen einer Anthropologie geschehen könne und schlug stattdessen eine reichhaltige Theorie der Person vor. Frau Professor Gethmann-Siefert (Hagen) hingegen vertrat die Auffassung, dass die Ethik, besonders auch die Medizinethik, eine anthropologische Fundierung brauche; sie kritisierte allerdings, dass diese Medizinische Anthropologie oftmals – etwa in der Heidelberger Schule – als Sonder-Anthropologie des kranken Menschen ausgearbeitet werden würde. In der Diskussion ergab sich eine gewisse Annäherung beider Positionen, da der von Sturma favorisierte Zugang über den Person-Begriff und die von Gethmann-Siefert in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen gestellte Charakterisierung des Handlungsurhebers deutliche Überschneidungen zeigen. Professor Hucklenbroich (Münster) führte anschließend in die Theorie der Krankheitslehre ein. Dabei stellte er besonders präskriptiv-konventionelle Elemente heraus, durch die anthropologische Thesen Eingang in diese Lehre finden. Anhand medizinhistorischer Beispiele aus einigen Schlüsselphasen der Medizingeschichte erweiterte und ergänzte Priv.-Doz. Bruchhausen (Bonn) den Befund, dass anthropologische Thesen über die Jahrhunderte immer wieder Eingang in die medizinische Theorie und Praxis gefunden hätten. Professor Schramme (Hamburg) fokussierte abschließend seine Überlegungen auf den Zusammenhang von Anthropologie und Psychiatrie. Dabei vertrat er die Auffassung, dass sich die psychiatrische Theorie selbst als „negative Anthropologie“ auffassen lasse, die die krankheitsbedingten Fehlfunktionen der menschlichen Natur beschreiben würde. Die angeregten Diskussionen zwischen Referenten und Zuhörern bestätigten die aktuelle Relevanz der Frage nach dem Verhältnis von Anthropologie, Ethik und Medizin, zeigten allerdings auch, dass weitere Analysen notwendig sind, um die verschiedenen Spielformen von Anthropologie – etwa als Lehrgebäude, Weltanschauung oder Methode – und ihren Beitrag zur Ethik zu klären.
Referenten:
• Walter Bruchhausen (Medizinhistorisches Institut, Universität Bonn)
• Annemarie Gethmann-Siefert (Institut für Philosophie, FernUniversität Hagen)
• Peter Hucklenbroich (Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Universität Münster)
• Thomas Schramme (Philosophisches Seminar, Universität Hamburg)
• Dieter Sturma (Institut für Philosophie, Institut für Wissenschaft und Ethik, Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften, Universität Bonn und Institut für Ethik in den Neurowissenschaften (INM 8), Forschungszentrum Jülich)
Wissenschaftliche Koordination:
• Felix Thiele (Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen GmbH, Bad Neuenahr-Ahrweiler)


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